Nachruf Michael Gree PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Siegmar   
Sonntag, den 15. Februar 2015 um 15:59 Uhr

Michael Green – Ein Nachruf

 

Ich traf Michael Green zum ersten Mal m Mai 2004 in Prag. Dort war ein Treffen von Leitern europäischer Theaterfestivals. Für mich und das Theaterlabor wurden dort viele Grundsteine für unsere Zukunft gelegt.

Zunächst einmal die Prag-Connection. Ich sah bei dem Treffen viele Produktionen der freien Prager Szene und konnte viele fruchtbare Kontakte knüpfen, die noch bis heute Bestand haben. Wir luden zahlreiche Prager Ensembles nach Bielefeld ein, die dort unser Festival 360° bereicherten. Eine Reihe von Koproduktionen mit Krepsko, Farm y Jeskiny, Petr Nikl und Divadlo Home folgten in den Jahren.

Ich traf dort auch Ralph Würfel zum ersten Mal, der damals noch für das Festival Unidram in Potsdam arbeitete, der sich seitdem dem Theaterlabor verbunden fühlt und immer mehr Aufgaben für uns übernommen hat.

Und dann war da dieser Mann mit Hut und Cowboystiefeln, der so offen und interessiert an unserer Arbeit war: Michael Green

Wie alle kanadischen Künstler, die ich bisher kennengelernt habe, packte er in einem Restaurant sein Apple Powerbook aus und spielte uns einige Filmsequenzen der Zappa-Show vor, mit der sie in Europa auf Tournee gehen wollten.

Wir waren möglicherweise Doppelgänger: nicht, was die Cowboystiefel anging, aber wir hatte zur selben Zeit eine Theatergruppe (One Yellow Rabbit / Theaterlabor) gegründet, hatten mit einem Ensemble über Jahre zusammengearbeitet, hatten beide einen sehr eigenwilligen experimentellen Stil entwickelt und leiteten beide ein internationales Theaterfestival.

Das brachte uns rasch näher. Wir hatten das Gefühl, dass wir alles verstehen bzw. schon selbst erlebt hatten, was der andere gerade erzählte. Diese geistige Nähe spiegelte sich auch in unserem persönlichen Umgang wider. Ich war zu der Zeit noch sehr in Trauer wegen meiner verstorbenen Frau, mit der auch eine Ära von 25 Jahren gemeinsamen kreativen Arbeitens im Theaterlabor zu Ende ging. Michael war sehr mitfühlend und ich fühlte mich in seiner Gesellschaft sehr wohl.

Wir verabredeten, dass wir versuchen würden, die Zappa-Show nach Bielefeld einzuladen,

und Michael sagte, dass er vielleicht etwas in Kanada für uns organisieren könne.

Es kam so, dass One Yellow Rabbit eine Absage von der Zappanale in Bad Doberan bekamen und wir nicht in der Lage waren, eine Performance mit 20 Mitspielern aus Kanada einzufliegen. Ungeachtet dessen setzte sich Michael sofort an die Arbeit und überzeugte auch andere Veranstalter davon, dass sie uns einladen sollten. Er schaffte es, Aufführungen in Montreal, Toronto, Edmonton, Lethbridge und natürlich auf seinem eigenen Festival „High Performance Rodeo“ in Calgary zu organisieren und darüber hinaus einen Antrag beim kanadischen Kulturministerium zu stellen, der die ganzen Reisekosten finanzierte.

Aber jetzt kommt's: Er hatte noch keine einzige Aufführung von uns gesehen und ein kurzer Videoclip von „Body Fragments“ war erst fertiggestellt, als die Tournee schon stand.

Es war diese geistige Verbindung, die das möglich machte. Wir hatten in den ganzen Jahren ein blindes Vertrauen zueinander. Und wir hatten Erfolg. Die Aufführungen funktionierten gut und das zweite Tourneestück „Absurdesque“ kam 2011 noch besser an und schon hatten wir einen Ruf in Kanada aufgebaut.

Umgekehrt hatten wir viele Aufführungen von One Yellow Rabbit in Bielefeld in unserem Festival 360° und es war schade, dass wir nicht in der Lage waren, andere Spielorte für die Gruppe zu finden. Zu der Zeit waren wir national viel schlechter vernetzt als international.

Auch meine verrückte Idee des Projektes „Doppelgaengers“, bei dem wir jeweils eine Produktion in dem anderen Land neu inszenierten, trug Michael mit, obwohl es viel Überzeugungsarbeit auch gegenüber seinen Ensemblemitgliedern bedeutete.

So inszenierte Denise Clarke „Smash Cut Freeze“ mit unseren Schauspielern in einer deutschen Übertragung in Bielefeld und Michael Grunert inszenierte zusammen mit mir den „Schlachtertango“ mit Andy Curtis und einer englischen Textfassung in Calgary.

Das war schon verrückt: Die Geschichte eines Bielefelder homosexuellen Juden vor dem Publikum in Calgary. Die Premiere habe ich leider nicht gesehen, da ich meinen Flieger verpasst hatte (siehe auch Kanadatagebuch).

Der Begriff Doppelgänger wurde übrigens nicht von uns selbst geprägt, sondern von einem Journalisten, der 2009 ausgiebige Interviews mit Michael uns mir führte und einen wunderschönen Artikel darüber schrieb (Hier ist der Link).

Michael war immer auf der Suche, war nie zufrieden, mit dem was er gerade hatte. Dabei hatte er wirklich großes Renomee durch sein Festival und wurde dann im Jahre 2012 Kurator von Kanadas Kulturhauptstadt „Calgary“.

Dort hatte auch seine letzte wichtige Arbeit ihren Ursprung. Vielleicht hatte sie auch ein wenig ihren Ursprung in unseren Diskussionen. Ich weiß noch, wie oft ich das Thema der kanadischen First Nations mit ihm diskutierte. Ich hatte immer das Gefühl, dass die kanadische Gesellschaft nicht wirklich reflektierte, was die eigene und die Geschichte der Indianer anging. Bis in die (neunzehnhundert)achtziger Jahre gab es dort noch das System der „Residental Schools“, bei dem die jungen Schüler aus ihren Familien herausgerissen wurden, ihnen verboten wurde, ihre Sprache zu sprechen, ihre Kultur und Rituale auszuüben.

Als Deutscher hatte ich gelernt, die eigene Vergangenheit zu reflektieren und Ungerechtigkeiten zu erkennen. Selbst bei meinen intellektuellen kanadischen Freunden war aber diese Reflexion wenig zu sehen. Michael war aber einer der wenigen, bei dem ich offene Türen einlief. Er sagte zu mir, dass ihn das Thema auch schon seit Jahren bedränge und er es eines Tages anpacken will.

Ich war dann bei dem ersten Treffen dabei, als eine Konferenz aus Ältesten der Blackfood-Nation darüber tagte, ob man denn ein Theaterprojekt über die Geschichte der Region (Der Friedensvertrag Treaty 7) zusammen mit weißen Künstlern unternehmen solle.

Es wurde sehr kontrovers diskutiert. Es gab auch Stimmen der politisch radikaleren Art, dass man von den Weißen sowieso immer nur über den Tisch gezogen würde, das war schon bei Treaty 7 so und das könnte auch bei einem Theaterprojekt passieren. Wie könne man gewährleisten, dass die Kultur und die Religion nicht folklorisiert werde. Wie könnte in einem solchen Theaterprojekt der beiderseitige Respekt zum Ausdruck kommen?

Michael hatte diese Zusammenkunft im Rahmen von Calgary 2012 organisiert und hatte am Ende die Ältesten auf seiner Seite.

Im März 2013 erarbeiteten wir in einem Workshop in Banff zusammen mit Künstlern verschiedener Hintergründe (First oder Second Nation, Schauspieler, Tänzer, Bildende Künstler und Musiker) an der Konzeption eines Theaterprojekts. Ich war als internationaler Berater eingeladen, obwohl ich nicht die künstlerische Leitung übernehmen konnte (Die geplanten Aufführungen im September 2014 überschnitten sich mit der großen Stadtbespielung auf dem Kesselbrink innerhalb des Bielefelder 800 Jahre Jubiläums), hatte mir Michael den Flug und die Spesen finanziert, weil er meine Meinung sehr wichtig fand. Es war natürlich ein Traum, inmitten eines Nationalparks in den Rockie Mountains ein solch hochkarätiges Künstlertreffen mitgestalten zu können. Zurück in Calgary wurde eine öffentliche Probe gezeigt und dann kam die Nagelprobe: Wieder der Ältestenrat der Blackfood, der diesmal das endgültige O.K. geben sollte. Wieder lange Gesprächsbeiträge, wieder konzentriertes Zuhören über Stunden und dann war es soweit. Michaels Traum durfte Wirklichkeit werden.

Im September 2014 wurde die Produktion mit großem Erfolg gespielt und es gibt ein Videolink dazu. Auch mir war es nur vergönnt, das Stück als Videoaufnahme zu sehen.

Es gab die Planung, dass immer wechselnd jedes Jahr eine neue gemeinsame Produktion entstehen sollte und ich sollte als Open-Air-Spezialist das ganze Gelände des Freilichtmuseums Fort Calgary in einem der folgenden Jahre bespielen.

 

Eine weitere gemeinsame Erfahrung war für uns beide sehr prägend. Im Sommer 2013 wurden alle Mitarbeiter des Projekts „Making Treaty 7“ eingeladen beim „Sundance“, dem rituellen Treffen der Blackfoot-Indianer, ein Treffen, bei dem normalerweise keine „Weißen“ zugelassen sind. Ich plante mit meinem Sohn Paul dort zehn Tage zu verbringen.

Da aber Paul als Autist eine extreme Herausforderung für eine Gemeinschaft in einem Tipi wäre, hat Michael sich auf die Suche nach einem Wohnmobil begeben. Es stellte sich dann heraus, dass ein Wohnmobil zu leihen sehr teuer wäre und Michaels Etat übersteigen würde. Außerdem hatte ich die Befürchtung, dass eines dieser schicken Wohmobile von Paul in seine Einzelteile zerlegt werden würde und sich dann die Frage nach der Haftung stellen würde. Ich überzeugte Michael davon, einen preiswerten Camper zu kaufen und diesen dann als „Making Treaty Seven“- Wohnmobil zu behalten, eine fahrbare Werbung o.ä. oder ihn einfach nach Ende des „Sundance“ mit ein wenig Verlust zu verkaufen.

Und so war Michael: Er machte es einfach. Wir hatten innerhalb von zwei Wochen einen Camper für 2500 Dollar (was deutlich weniger war als die Leihgebühr für 14 Tage) und Michael sorgte dafür, dass eine Grundausstattung mit Kochgeschirr und Besteck, Bettdecke und Handtücher vorhanden war. Wie in einem anderen Nachruf zu lesen war: „Michael took care of people“

Wir waren bei den Tipis der Familie von Narcisse Blood aufgestellt. Paul und ich mit dem Camper und die anderen Gäste in einem Tipi, dass wir mit fachkundiger Anleitung aufgebaut hatten. Unsere europäischen Freunde John Paul Mc Grorthy aus Edinburgh und Odile und Michel von der Assoziacion Arsene aus Frankreich habe ich dort durch Michael kennengelernt. Wir arbeiten z.Z. An einem Europäischen Theaterprojekt und sind im März im Elsaß und im September in Edinburgh mit diesen neuen Freunden , die dieselbe Erfahrung beim „Sundance“ machen durften.

Narcisse bürgte für uns. Er musste sicher stellen, dass wir die Rituale nicht stören, keine Photos und Filmaufnahmen machten, keinen Alkohol tranken u.s.w.

Es war eine unvergessliche Erfahrung, für mich dadurch noch intensiver, dass Paul einige Gelegenheiten bekam, sein Unverständnis gegenüber der Welt zu zeigen (z.B. warum kann man nicht unbegrenzt Salz essen? Antwort: Weil man sich dann krank fühlt und sich dann auf dem Bett im Wohnmobil übergeben muss oder warum darf man nicht mit einem fünf Liter Kanister Motoröl spielen, wenn es doch so schön glitschig an den Händen, auf dem Bett und dem Boden anfühlt? Antwort: Weil man dann zwei Tage lang versucht die Schäden zu beseitigen, die Waschmaschine im nächsten Waschsalon zerstört und so etwas wie Glück verspürt, wenn spätabends ein Indianer mit zwei Bettdecken ankommt und fragt: Wo ist denn hier der Deutsche mit dem Motoröl?

Wenn Paul nicht gerade im Focus stand, gab es so viele außergewöhnliche Erfahrungen beim „Sundance“, über die ich gesondert berichten werde.

Auch nun habe ich wieder Zeit zum Schreiben. Der Jetlag hat sich zwar noch nicht eingestellt, aber im Flugzeug habe ich auch Zeit, die ich so nutzen kann. Ich fliege auf eine Beerdigung nach Calgary. Ich werde dabei sein, wenn einer meiner besten Freunde zu Grabe getragen wird.

Wir hatten noch so viele Pläne in diversen Schubladen. Er wollte selber auch wieder kreativ arbeiten und ich schlug ihm vor, doch auch einmal bei einer Produktion, vielleicht in Bielefeld, eine Regie zu machen.

Nach Jahren des Arbeitens als Kulturmanager machte er es noch einmal war, als Schauspieler auf der Bühne seines Theaters und in seinem Festival zu spielen. Im Januar 2015 spielte er in der neuesten Produktion von One Yellow Rabbit und verabschiedete sich auch als Schauspieler von seinem Publikum. Einige Bielefelder erinnern sich noch an eine seiner Interventionen, als er als „The Whaler“ nur mit Gummihandschuhen bekleidet eine beeindruckende Performance hinlegte.

Da das Schicksal so brutal war, dass bei dem Autounfall fünf Menschen ums Leben gekommen sind, fliege ich auch noch zu einer zweiten Beerdigung.

Auch unser Freund Narcisse Blood kam bei diesem tragischen Unfall ums Leben.

Narcisse war mehr als der First Nation – Protagonist bei „Making Treaty 7“, er war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Ich hatte mit ihm ein Projekt zur Kunst des Geschichtenerzählens vor, das wir zusammen mit seinen Studenten machen wollten.

Er war in seiner Funktion als Stammesältester sehr respektiert und ein „weiser“ Mann, obwohl er gerade mal 60 Jahre alt wurde.

Ich habe sehr spontan diesen Flug gebucht und hatte das Gefühl, dass ich diesen beiden Menschen Respekt zollen muss. John Paul schrieb mir, dass er sich den Flug nicht leisten kann, aber am nächsten Tag hat er sich noch umentschieden und er kommt dazu.

Mein Programm sieht also folgendermaßen aus: Samstag ankommen und die Mitglieder von One Yellow Rabbit treffen, Sonntag: Versammlung der Künstler des Projektes „Making Treaty 7“, Montag: Beerdigung von Michael Green, Dienstag: Gedenkfeier für Narcisse Blood in Lethbridge, Mittwoch: Beerdigung Narcisse Blood, Mittwoch: Rückflug

Bei dem Autounfall kamen insgesamt fünf Menschen ums Leben, vier waren zusammen um neue Pläne für „Making Treaty Seven“ zu schmieden, zwei Künstlerinnen aus Regina waren dabei, die ich nicht persönlich kennengelernt hatte. Sie waren daran interessiert, dieses Konzept auf andere First Nation – Stämme in der Gegend von Regina zu übertragen.

Was wird nun aus MT7? Es ist eine Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Kann die Idee auch ohne ihre stärksten Protagonisten weiterleben?

Ich werde laufend von den Gedenkfeiern und von den Treffen mit den verbleibenden Freunden berichten.

 

Siegmar

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 15. Februar 2015 um 18:00 Uhr