Kanadatagebuch 2012 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Siegmar   

Und hier beginnt er nun, der aktuellste Teil des Kanadatagebuchs.

Samstag, den 1.12.2012

Wir haben heute die erste Woche Probenarbeit abgeschlossen und mit Andy das ganze Stück durchgearbeitet. Der Sonntag ist frei und wir hatten uns eigentlich vorgenommen, nach Lake Louise zu fahren um ein paar Skier unter zu schnallen. Doch dann kam etwas dazwischen, was uns wichtiger erschien.
Wir wurden heute von Michael Green zu einem Essen eingeladen, das der Auftakt eines Wochenendtreffens zu einem Kulturprojekt der besonderen Art darstellte.
Die Stammesältesten der in der Region ansässigen Stämme der Blackfoot Indianer kamen zusammen, um mit einigen Künstlern zu diskutieren, wie man eine große Inszenierung zu dem Friedensabkommen Treaty Seven vor 135 Jahren machen könnte. Da wir nun schon zum Essen eingeladen wurden, blieben wir auch für die nachfolgende Diskussion und hörten zunächst erst mal zu. Die meisten Anwesenden sprachen und verstanden die Sprache, die einen für uns ungewohnten Klang hat. Es gibt manchmal Ketten von fremd klingenden Konsonanten, die ohne irgendeinen Vokal zusammengefügt werden.
Für uns überraschend war, dass es für viele der Anwesenden die Muttersprache ist, in der sie sich immer noch besser ausdrücken können, als in der Landessprache. Aus diesem Grunde gab es viele zweisprachige Passagen, die von den jeweiligen Sprechern gleich selber ins Englische übersetzt wurden.
Das damalige Abkommen hat immer noch sehr aktuelle Bedeutung. Es wirkt noch bis in die heutige Zeit.
Es war sehr schnell herauszuhören, dass es sehr emotional besetzt ist und es gibt die Fraktion der Ältesten, die ein starkes Interesse daran haben, aufzuzeigen, wie sie durch fehlerhafte Übersetzung oder die Benutzung von Begriffen, die die „First Nations“ gar nicht kannten, übervorteilt wurden. Zudem haben die zugezogenen Kanadier, wann immer es um finanzielle Interessen ging, diesen Vertrag gebrochen.
Es gibt auch die andere Fraktion derjenigen, die sehr ängstlich sind und kein politisches Statement mit der Inszenierung abgeben wollen. Sie leben in Reservaten und haben Angst, dass die Regierung verärgert reagieren könnte und ihnen das Leben schwerer machen würde.
Wir sind sehr gespannt darauf, was wir morgen hören werden und was wir zu der Diskussion beisteuern können. Dafür lassen wir gerne unser Freizeitvergnü
gen in den Rocky Mountains ausfallen, dann brauchen sich unsere Angehörigen auch nicht mehr ängstigen, dass wir ein Bein brechen oder unliebsame Begegnungen mit Bären oder Cougars haben.


Sonntag, den 2.12.2012

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass Michael und ich in der kleinen Minderheit der Weißen den ganzen Tag mit so vielen Stammesältesten zusammen gesessen haben. Interessant war schon, wie der Gedankenaustausch organisiert ist. Zunächst wurde schmunzelnd erzählt, dass Michael Green eine Tagesordnung für das Treffen vorschlagen wollte, man hatte sich dann auf eine Art Diagramm geeinigt, dass aber keine Bedeutung für den weiteren Verlauf hatte. Es war so spannend zu sehen, welche besondere Dynamik sich ergab, weil man keiner Reihenfolge, Rednerliste oder Tagesordnung folgte, sondern der Reihenfolge, die sich aus der Dringlichkeit etwas zu sagen ergab. Wir konnten wahrnehmen, wie jeder auf seine Weise, teilweise mit persönlichen oder alten Geschichten ausgeschmückt, seine Sichtweise darlegen konnte und wie konzentriert zugehört wird. Jeder Redner tritt nach vorne und redet solange wie er will. Und niemand von diesen Leuten redet kurz. Sie kommen schließlich aus einer Tradition der mündlichen Überlieferung, ohne Schriftsprache. Alle haben interessante Geschichten zu erzählen, alle wichtige Statements. Es herrscht eine große Konzentration vor, man hört einander zu. Ich habe nicht ganz das System erfasst, wann jemand aufsteht und nach vorn ans Pult geht. Aber, ich glaube, es gibt keine Hierarchie. Wem danach ist, der tritt vor. Als "non native" und als Jüngerer warte ich, bis ich das Gefühl habe, dass die meisten älteren Männer bereits gesprochen haben und die Pause, bis jemand aufsteht, sehr lang wird. Ich bin nervös wie ein Schuljunge und frage mich natürlich, ob ich die Ordnung störe, ob sie meine Meinung hören wollen. Nach mir kamen auch ältere Frauen und ich hoffe, dass ich sie nicht durch meine Ungeduld verärgere. Aber ich habe den Eindruck, dass es o.k. ist, dass diese beiden exotischen Vögel aus Deutschland dabei sind, denn wir zeigen Interesse und das ist es, was sie sich wünschen. Einer der Ältesten beklagte sich darüber, dass am ersten Tag mehr "Weiße" da waren. Ob sie vielleicht doch kein Interesse hätten, oder ob sie vielleicht glaubten, dass sie sich bereits eine Meinung bilden könnten.

Insgesamt wurde deutlich, wie viel Leid und wie viel Ungerechtigkeit sich in den Erzählungen spiegelte, als z.B. unter Tränen eine Frau davon erzählte dass sie aus ihrer Familie gerissen wurde und in eine "Residentalschool" interniert wurde. Und dass das Kalkül der Weißen bei ihr zum Teil funktioniert hatte: Sie hatte den Kontakt zu ihrem Dorf nicht wieder herstellen können und kann ihre Sprache nicht mehr fließend sprechen.