Smash Cut Freeze PDF Drucken E-Mail

Smash Cut Freeze - Deutsche Erstaufführung

Schauspiel

smash


Habt ihr auch Familie? Der erwachsene Sohn erinnert sich an früher. Wieder sitzt er oben im Baum, wieder am Küchentisch, beobachtet und ist ausgesetzt: der irrationalen Mutter, dem hilflosen Vater. Smash – Cut – Freeze! Er hält die eben erinnerte Szene an und wendet sich ans Publikum ... Denise Clarke, Ensemblemitglied im Performancetheater One Yellow Rabbit, hat frei nach “The Member of the Wedding“ von Carson McCuller das Stück “Smash – Cut – Freeze“ entwickelt. Wir sind gespannt auf die von ihr gewählte Schwarz-Weiß-Ästhetik im deutschen Gewand!

Regie: Denise Clarke 

Spiel: Michael Grunert, Karin Wedeking, Florian Wessels

Bühnenbild: Mark Augustin, Frank Imsiepen

Licht: Bert Buchholz

Ton: Frank Imsiepen

Premiere: 03.05.2012

Trailer

 

Hintergrund  zu "Smash Cut Freeze"


"Smash Cut Freeze" liegt die Erzählung bzw. der auf der Erzählung basierende Film “The Member of the Wedding“ von Carson Mc Cullers aus dem Jahre 1952 zugrunde. Mc Carsons Geschichte ist die eines 12-jährigen, fremdelnden Mädchens, das wegen der Hochzeit des großen Bruders erzürnt ist. Das daraus entstandene Stück der Kanadierin Denise Clarke hingegen beschäftigt sich mit einem jungen, schwulen Mann, der unter dem Einfluss seiner neurotischen Mutter und des Kriegsveteranen-Vaters in den frühen Sechzigern aufwächst. Auf den ersten Blick gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten, aber das Stück Smash Cut Freeze hat sich in der Tat direkt aus dem Film "The Member of the Wedding“ heraus entwickelt. Denise Clarke, die das Stück geschrieben und inszeniert hat - und im englischen Original auch selbst darin mitspielt - war seit ihrer Kindheit ein Fan des Films. Sie wollte eine Bühnenadaption schaffen, die nicht vom Plot des Films oder seinen Charakteren ausgeht, sondern der Körperlichkeit der Figuren. Die Schauspieler würden ihre Bewegungen auf der Bühne auf der Grundlage ihrer Handlungen im Film entwickeln. 

„Ich wollte buchstäblich alles tun, was sie auch im Film taten – erstens als choreographische Übung: zu laufen, wie sie es taten, zu sitzen wie sie sitzen. Wenn die Figur im Film durch die Tür kam, sich hinsetze und selbst bemitleidete, dann war es genau das, was ich auch tat.“ Dieser abstrakte Zugriff ist typisch für One Yellow Rabbit. Clarke hat die Bewegungen von Frankie, dem 12-jährigen Mädchen kopiert, ihre Kollegen kopierten Berenice, die afrikanisch-amerikanische Haushälterin und John, Frankies sechs Jahre alten Nachbarn und Spielgefährten. Sie sahen sich den Film an, hielten ihn an und machten die Bewegungen bis ins Detail nach. „Selbst, wenn eine der Figuren nicht mehr zu sehen war“, erinnert sich einer der kanadischen Mitspieler, „kam das einem Smash (Anm.: zertrümmern) oder einem Cut (Anm: Schnitt) oder einem Freeze (Anm.: einfrieren) gleich."

Anfangs, so Clarke, habe sie sich gefragt, ob es ein Stück über eine Reflektion, ein Stück Performancekunst über die Unterschiede zwischen Film und Theater werden würde. "Und dann, plötzlich, begann die Geschichte sich buchstäblich aus dem heraus zu schälen, was wir körperlich taten. Die Bewegung kam zuerst und schlug die Erzählung vor." Innerhalb der ersten zwei Wochen führte die Bewegungsübung zu einem Porträt einer anderen Familie, und durch Clarke's Choreographie (sie ist ausgebildete Tänzerin), entwickelten sich die Bewegungen in einen dysfunktionalen Tanz familiärer Mißstimmung. Clarke's Figur - in der deutschen Fassung gespielt von Karin Wedeking - ist eine traumatisierte, einsame, manische Frau, besessen von ihrem Aussehen und mit der Neigung versehen, weg zu rennen, unfähig, ihren Sohn richtig zu lieben oder Bedeutung in ihrem Leben in einer vor-feministischen Zeit zu finden. Michael Grunerts Figur ist ein einäugiger Kriegsveteran aus dem 2. Weltkrieg, der der Mann im Haus sein mag, aber auch als Familienernährer und derjenige, der den Haushalt in Gang hält, in Erscheinung tritt. Florian Wessels ist Butch, ein Junge, der auf Bäume klettert, Horn spielt und sich gern die Sachen der Mutter anzieht. Die Geschichte entwickelt sich zur Untersuchung einer Familie: vom Aufzeigen der Kindheitsnarben bis zur Ermöglichung von Verständnis, Mitgefühl und Vergebung. Clarke wurde 1957 geboren, ungefähr zur selben Zeit wie der Junge in ihrem Stück. Sie war ein bisschen besorgt deswegen – dies ist keine Autobiografie und sie wollte nicht, dass sie als solche betrachtet würde. Aber ihre eigenen Erfahrungen hatten sicherlich Einfluss auf die Geschichte, besonders die Tatsache, dass ihr Vater ein 2. Weltkrieg Kriegsveteran war, so wie die hier von Michael Grunert gespielte Figur.

Denise Clarke hierzu: „Mein Vater war kein gewalttätiger Mann, aber der Frust darüber, ein junger Nachkriegs-Mann zu sein, der zurück kam und vier Kinder hatte, war so hart. Er war ungeduldig; wir nannten ihn Albtraum-Pirat. Er ist jetzt das Süsseste, was es gibt. Man könnte einfach sauer sein über jemanden, der ein Albtraum-Pirat war. Aber man muss vergeben und einfach nur sagen, ja, weißt du was, du hattest deinen eigenen Film am Laufen. Es hatte nicht alles was mit mir zu tun.“ Das ist ein dominantes Thema in Clarke's Stück und die Botschaft nennt sie ihr "cadeau", ihr Geschenk ans Publikum: dass Kinder Mitgefühl für ihre Eltern entwickeln, wenn sie selbst erwachsen geworden sind.

Das Projekt "doppelgaengers"

Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen: Das One Yellow Rabbit Performancetheatre und das Theaterlabor Bielefeld. Beide Theatergruppen wurden in den 1980-er Jahren gegründet, beide stellen das Experimentelle in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, beide begründeten ein Theaterfestival für experimentelles Theater - das Theaterlabor das 360 Grad-Festival, One Yellow Rabbit das High Performance Rodeo. Grund genug, sich als „doppelgaengers“ zu begreifen! Und so befinden sich die Gruppen in regem Austausch: 2009 und 2011 spielt das Theaterlabor Bielefeld in Calgary, der Heimat von One Yellow Rabbit „Absurdesque“ und „Body fragments“, 2009 und 2012 ist der kanadische Doppelgänger im Theaterlabor zu Gast. Zu unseren kanadischen Tagen waren "Sign Language" (getanzt und entwickelt von Denise Clarke) und "Gilgamesh La-Z-Boy" zu sehen.

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 08. Juni 2013 um 22:05 Uhr