Modellprojekt Heroes PDF Drucken E-Mail

Heroes

Ein Theaterprojekt mit Jugendlichen, professionellen Schauspielern und Akteuren der jungen Subkultur auf der Grundlage der Ilias von Homer

Es handelte sich bei diesem Projekt um eine Theaterproduktion nach Motiven der Ilias von Homer, angereichert mit autobiographischen Elementen von Jugendlichen aus der Jugendkulturszene.

Das Theaterlabor konnte Jugendliche aus den Bereichen Jugendtheater, Breakdance, Rap, BMX-Radakrobatik, Parkourlauf und Skateboardakrobatik einbinden. Viele Beteiligte hatten Migrationshintergrund. Alle wurden dazu animiert, ihre speziellen Fähigkeiten und Ansichten in die Arbeit einfließen zu lassen.

Die verschiedenen Jugendgruppen wurden von Schauspielern und Theaterpädagogen des Theaterlabors betreut und begleitet. Regelmäßige Probentermine wurden eingerichtet. Alle Jugendlichen zeigten eine enorme Selbstdisziplin, waren verlässlich, sehr interessiert am gesamten Entstehungsprozess und engagierten sich über das geforderte Maß. Parkourläufer, Skateboardfahrer, BMX-Fahrer boten eine Einführung in ihre Techniken an, was jeweils auf großes Interesse der anderen Beteiligten stieß. So kristallisierte sich nach und nach eine besondere Trainingsform heraus, die die Fitness der Beteiligten verbesserte und für eine vorher nicht zu erwartende Bühnenpräsenz sorgte, da sämtliche Beteiligten ihre Selbstsicherheit stärken konnten.

Neben den erwähnten Jugendgruppen waren das Ensemble des Theaterlabors, professionelle freie Schauspieler, Amateurschauspieler und Musiker beteiligt. Das Zusammenspiel der vielen verschiedenen Beteiligten klappte ohne Probleme. Es war im Gegenteil für alle Seiten eine Bereicherung.

Der Altersunterschied unter den Beteiligten überspannte mehrere Generationen. Der Jüngste war 14 Jahre, der Älteste 57 Jahre alt.

 

Vorbereitung und Durchführung des Projektes

Der Dramaturg und Autor Sebastian Zarzutzki aus Düsseldorf und der künstlerische Leiter und Regisseur des Theaterlabors Siegmar Schröder entwickelten vor Beginn der Probenphase gemeinsam ein Konzept, das es ermöglichte, einzelne Module zu definieren. So konnten separate Probenphasen mit den beteiligten Jugendgruppen festgelegt werden, in denen Einzelelemente der Gesamtinszenierung vorbereitet werden konnten.

Die gemeinsame Probenphase erstreckte sich über einen Zeitraum von 4 Wochen. In dieser Zeit wurden sämtliche Teile zusammengeführt und immer wieder angepasst. In diesem Zusammenhang wurden Entscheidungen über die Erzählform, Szenenauswahl, Chronologie, das endgültige Bühnenbild und die Kostüme getroffen.

Die Beteiligten wurden stets gebeten, erst einmal eigene Vorschläge anzubieten. Diese Ideen wurden vom Regisseur und vom Dramaturgen aufgegriffen und so bearbeitet, dass sie sich in die Inszenierung integrieren ließen. Jeder Vorschlag wurde ernst genommen, was vor allem den Jugendlichen viel Selbstvertrauen gab.

Die „Ilias“ von Homer bildete die Grundlage und das Gerüst für die zu erzählende Geschichte. Den Originaltexten in deutscher Übersetzung wurden an passenden Stellen immer wieder von den Beteiligten erarbeitete eigene Texte hinzugefügt, meist mit autobiographischem Hintergrund. Die beschriebene Handlung wurde abstrahiert und mit den modernen Darstellungstechniken ergänzt. Exemplarisch seien an dieser Stelle folgende Beispiele gelungener Umsetzungen genannt:

  • Die in der Ilias beschriebene Mobilmachung zur Seeschlacht um Troja wurde durch biographische Texte zu den Themen Musterung oder Auslandseinsatz als Soldat ergänzt.

  • Der Streit der griechischen Götter Zeus und Hera wurde als politische Talkshow inszeniert.

  • Die Schlachten um Troja mit all ihren Zweikämpfen wurden zur Live-Reportage eines Sportereignisses. Die Beteiligten konnten hier ihre jeweiligen Fähigkeiten einsetzen. Der Kampf zwischen Hektor und Paris war ein Breakdance-Battle One-on-One, ein Rapper war in der Lage, den Originaltext der Ilias an dieser Stelle zu rappen.

  • Die Parkourläufer konnten in einem speziell auf ihre Anforderungen abgestimmten Bühnenbild viele Schlachtbeschreibungen durch ihre anspruchsvolle Akrobatik visualisieren.

  • Skater und BMX-Fahrer symbolisierten jeweils eines der an den Kämpfen beteiligten Heere. Die Radakrobaten wurden zu „Dardanern“, die für ihre Reitkunst berühmt waren. Auch für diese Beteiligten wurde das Bühnenbild speziell angepasst und eine Rampe mit eingebaut, die direkt zum „Olymp“ führte.

  • Zum Helden Diomedes, der in einer Szene hervorgehoben wurde, wurden als Spiegelung „Alltagshelden“ von heute gestellt, die von ihren ganz persönlichen Heldentaten berichteten.

  • Als Prolog und Epilog tauchte die Figur Heinrich Schliemanns auf. Seine Ausgrabungsarbeiten wurden in einem kleinen Sandhaufen vorgenommen und mit einer Kamera in Großaufnahme auf eine ins Bühnenbild integrierte Projektionsfläche übertragen.

Verwirklichung der Ziele, Reflektion des Modellcharakters

Die Verbindung von eigenen Geschichten der Beteiligten mit den seit 2600 Jahren bekannten Geschichten aus der Ilias bot vor allem den jungen Beteiligten einen reizvollen Zugang zu diesem antiken Text, dessen Übersetzungen nicht immer einfach zu verstehen sind. Die spielerische Umsetzung der beschriebenen Handlungen brachte während der Probenphase jeden dazu, die Schicksale der Personen, die Bedeutung der griechischen Götter, des Übernatürlichen, des Schicksals, die Bedeutung von Leben und Tod zu reflektieren und zu hinterfragen. Der schließlich souveräne Umgang mit den Texten der Ilias machte es den Beteiligten möglich, ihre eigenen Geschichten selbstständig in das Konzept einzubringen und zuzuordnen. Der Autor und Dramaturg Sebastian Zarzutzki schaffte es vorbildlich, die komplexen Zusammenhänge der Ilias zu erklären, nahm die Vorschläge auf und brachte sie in die richtige Form. Die Erfahrung, wichtige Beiträge zur Produktion leisten zu können, bewirkte eine große Identifikation mit dem „Produkt“. Dies führte dazu, dass jeder die gegenseitige Verantwortung spürte und ohne besondere Hinweise eine enorme Selbstdisziplin bezüglich Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zeigte.

Die Zusammenarbeit der älteren Schauspieler vom Ensemble des Theaterlabors mit den jungen Akteuren wurde vorbildlich gelöst, indem jeder animiert wurde, seine speziellen Fähigkeiten der Gesamtgruppe vorzustellen und weiterzugeben. So gab es nur gleichberechtigte Bühnenpartner ohne erkennbare Hierarchien. Der Wille von allen, individuelle Grenzen zu überschreiten, neue Erfahrungen zu machen, war prägend für die gesamte Arbeit. Auch die professionellen Künstler nahmen an diesem Prozess teil, indem sie z.B. die Techniken des Pakourlaufens und des Stockkampfes erlernten und in ihre szenischen Handlungen integrierten.

 

Presse- und Zuschauerreaktionen

Die erfolgreiche Premiere wurde von allen als Bestätigung ihres Engagements empfunden. Die beteiligten Jugendlichen schafften es, zu allen Vorstellungen ihre jeweiligen Peergroups zu begeistern. Alle Vorstellungen waren gut besucht. Das zweite Aufführungswochenende war noch etwas besser besucht als das erste. Erreicht wurden die guten Besucherzahlen aber nicht zuletzt durch die Entscheidung großzügig Freikarten zu verteilen, um besonders Jugendliche, die noch keine Berührung mit Theater hatten, zu erreichen. So konnten wir bei den sechs Aufführungen insgesamt 546 Zuschauer im Theaterlabor begrüßen.

Nach allen Aufführungen gab es auffällig lange Gespräche der Zuschauer mit den Akteuren. Jeder war gern bereit, über die eigenen Erfahrungen und Eindrücke Auskunft zu geben. Für die BMX-Fahrer, die Skater, die Parkourläufer, die Rapper und die Breakdancer war „Heroes“ die erste Gelegenheit, ihr Können in einem anderen Zusammenhang zeigen zu können. Zuschauer, die speziell kamen, um diese ihnen bekannten Akteure zu sehen, waren begeistert von ihrer besonderen Wirkung in der Produktion.

 

Nachbemerkungen

Nach Abschluss der Aufführungsserie wurde noch einmal ein Treffen organisiert, das für alle die Gelegenheit bot, sich zum einen untereinander auszutauschen und zum anderen Pläne für zukünftige Projekte und Zusammenarbeiten zu diskutieren. Auch ein Mitschnitt der Aufführungen wurde gezeigt. Schließlich wurde für das Jahr 2011 eine Wiederaufnahme von „Heroes“ vereinbart.

Der Kontakt zu den beteiligten Jugendgruppen besteht weiterhin. Für zahlreiche vom Theaterlabor geplante Veranstaltungen, Projekte und Reihen gibt es bereits Zusagen über eine Teilnahme. Die neue Jugendtheatergruppe ist sehr motiviert und wird nun weiter vom Theaterlabor betreut.

Das Projekt soll als Modul anderen Veranstaltern angeboten werden, um in anderen Städten vergleichbare Projekte umzusetzen.

 

Artikel für die „Kulturszene“ von Regisseur Siegmar Schröder

Auf unseren Entdeckungsreisen in der Theaterwelt haben wir so manches Abenteuer erlebt wie z.B. bei der „ Odyssee“ im Jahre 2000. Viele begeisterte Klassikfans haben seitdem immer wieder von uns eine weitere Bearbeitung eines griechischen Klassikers eingefordert. Wir entschieden uns für die „Ilias“, in der Homer die jahrelange Belagerung von Troja beschreibt und viele Heldenepen erzählt. Unsere dramaturgische Diskussion drehte sich um Fragen, wie man diesen etwas „trockenen“ Stoff spannend inszenieren kann, wie man heutzutage antike Schlachten veranschaulichen kann und wie es sich mit der Übertragbarkeit der Heldenthematik auf die aktuelle Lebenswelt verhält. Wir gingen davon aus, dass Antworten auf diese Fragen in der jugendlichen Subkultur zu finden seien und haben uns auf die Suche begeben.

Da unser Auszubildender (Veranstaltungskaufmann) selber Breakdance tanzt und Partys veranstaltet, konnte er uns sehr schnell mit den richtigen Leuten in Verbindung bringen. Wir hatten durch ihn die erforderliche „Credibility“ und konnten einige Skater, BMXer und Rapper gewinnen, bei unserem Vorhaben mitzuwirken. Als Regisseur war ich bei den ersten Proben allerdings nervöser als sonst, da ich nicht wusste, wie die Akteure aus der Subkultur auf das chorische Sprechen Homer'scher Texte und meine Inszenierungsideen reagieren würden. Ich dachte, ich müsste den Jugendlichen etwas Besonderes bieten. Das war allerdings unnötig, denn sie hatten Respekt vor unserer Leistung, ein solch großes Projekt mit über 40 Mitwirkenden anzuleiten und fanden das Arbeiten an einem professionellen Theater sehr spannend. Das Vorwissen und das Interesse an der Ilias war unterschiedlich groß, aber die beiden Rapsänger überraschten mich mit der Aussage, unbedingt die Originaltexte von Homer rappen zu wollen, als ich ihnen vorschlug, sie könnten etwas zu den heutigen Helden dichten. Es zeigte sich, dass die älteste Übersetzung (Voss), die in Hexameter gefasst ist, sich am Besten zum Rappen eignete.

Einige Mitwirkende waren sehr engagiert und wir übernahmen viele ihrer Vorschläge. Es entwickelte sich eine gute Arbeitsdynamik und wir „Profis“ hatten sehr großen Respekt vor dem Können der Mitwirkenden.

An erster Stelle stehen hier die Parkourläufer, die Akrobaten der Extraklasse sind und schon nach wenigen Proben die tragenden Choreographien der Belagerungen und antiken Schlachten übernahmen und zusätzlich das Aufwärmtraining für alle anleiteten. Die Zweikämpfe der antiken Helden wurden folgerichtig von den Breakdancern in einem „Battle“ umgesetzt und die BMX- Fahrer wurden zu Reitern der höchsten Kriegskunst inmitten von Skatern, Stockkämpfern und einer Gruppe jugendlicher Schauspieler.

Die Projektidee der Umsetzung eines antiken Stoffes mit Akteuren aus der jugendlichen Subkultur gilt für uns als wegweisend, weil wir gemerkt haben, wie viel Können und Professionalität bei den Jugendlichen vorhanden ist und dass man zusammen ein neues spektakuläres Format erreichen kann. Das Stück war so erfolgreich, dass die Klassikfans beeindruckt waren, aber vor allem der Anteil junger Zuschauer wurde von Aufführung zu Aufführung immer größer.

Als unmittelbare Folge dieses Projekts hat sich eine Jugendtheatergruppe gebildet. Wir haben eine Wiederaufnahme von „Heroes“ für Juni 2011 beschlossen und bieten dieses Projekt als Modul auch für andere Veranstalter und Städte an.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 19. November 2012 um 15:32 Uhr